Bild Leipzig | 12. September 2011
Artikel Seite 14, www.bild.de
BILD in Leipzigs größtem Keller
12 METER UNTER DER ERDE WURDEN BEIM VEB FEINKOST ZU DDR-ZEITEN KONSERVEN ABGEFÜLLT. ZUM TAG DES OFFENEN DENKMALS WAREN DIE VERLASSENEN KATAKOMBEN SONNTAG GEÖFFNET

12 METER UNTER DER ERDE
BILD in Leipzigs größtem Keller
Anne Sachse (43) vor den Resten einer Etikettiermaschine
Foto: Anja Jungnickel
Von LUISE SCHLÄCHTER 12.09.2011 — 12:23 Uhr
Leipzig – Hier, zwölf Meter unter der Erde, füllte der VEB Feinkost täglich rund 70 000 Konserven ab. Erbsen, Möhren, Spargel – sogar Erdbeerkonfitüre. Geblieben sind: eine Flasche Schaumwein, ein Glas Mischgemüse mit Bauchspeck, zwei Stapelfahrzeuge und eine Etikettiermaschine...

DAS WAR DER VEB FEINKOST
Von 1952 bis 1992 füllte der VEB Leipziger Feinkost auf dem Areal an der Karl-Liebknecht-Straße im Schichtbetrieb täglich rund 70.000 Konserven ab (u.a. Konfitüre, Spargel, Linsen, Möhren, Tomatenmark). Als Kombinatsbetrieb war der VEB Feinkost Zulieferer der Messe und der NVA. Nach der Übernahme durch die Treuhand wurde die Produktion eingestellt und das Werk 1993 endgültig geschlossen.
WILLKOMMEN IN LEIPZIGS GRÖSSTEM KELLER!
„2000 Quadratmeter messen diese historischen Räume“, erklärte Gewölbe-Führerin Anne Sachse (43) am Sonntag beim Tag des offenen Denkmals. Selbst die Moritzbastei hat nur 1400 Quadratmeter.
Ein schmaler Einstieg führt in die Katakomben. Die Feinkost nutzte zwischen 1952 und 1992 dieses Areal einer ehemaligen Brauerei für ihre Produktion. Schichtarbeit unter Tage, um Leipzig und das Umland mit Gemüse- und Obstkonserven zu versorgen.
Heute ist es hier nur noch modrig, kalt, dunkel.
„Auch damals kam hier kein Tageslicht rein“, erinnert sich der ehemalige Feinkost-Arbeiter Frank Bayer und erzählt: „Durch die grellen Lampen heizte sich die Luft unangenehm auf, es wurde stickig. Deswegen mussten wir alle zwei Stunden nach oben.“
Aber nur für 15 Minuten. Dann ging es im Akkord weiter. „Schließlich war die NVA ein Großabnehmer der Feinkost-Produkte“, sagt Sachse. „Wenn aber kein Schicht-Aufseher in der Nähe war, ließen die Frauen hier unten schon mal die Hüllen fallen und feierten wilde Partys...“ Vielleicht lag es am Schaumwein, den es zu Ostern und Weihnachten für jeden der 350 Mitarbeiter gab. „Die Flasche wurde gleich hier im Keller geköpft!“
1992 war die Party dann vorbei. Die Treuhand übernahm den Laden und schloss das Werk ein Jahr später endgültig.

DER GILDENSAAL
Im überirdischen Gildensaal spielte vor dem Zweiten Weltkrieg ein Revuetheater. Im Krieg wurden hier Zwangsarbeiter aus Frankreich, Belgien und der damaligen Tschechoslowakei untergebracht, bis ein Bombenfeuer das Dach zerstörte. Zu DDR-Zeiten fand hier die Hauptproduktion der Feinkost statt.
Foto: Anja Jungnickel












